Jing Bartz 2008

Dr. Jing Bartz studierte Literatur, Pädagogik und Wirtschaft in Peking, Kiel und Leipzig. Seit Herbst 2003 ist sie die Leiterin des Buchinformationszentrums (BIZ) Peking der Frankfurter Buchmesse.

Pressekonferenz China 2008

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse und Li Dongdong, stellvertretende Ministerin der General Administration of Press and Publication (GAPP).

 

Chinas "Going out-Policy": Börsengänge und Finanzhilfen

China, der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2009, verfolgt eine Politik der kulturellen Öffnung und hat ein Programm zur Förderung von Übersetzungen aufgelegt - mit einem Volumen von rund 500.000 Euro.

China, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2009, war schon dieses Jahr präsent auf der Buchmesse - mit Veranstaltungen zum Buchmarkt und zur Literatur Chinas, aber auch mit einer Pressekonferenz zu den Plänen für den ganz großen Auftritt im nächsten Jahr. "Das internationale Verlagswesen schenkt dem chinesischen Verlagswesen eine noch nie dagewesene Aufmerksamkeit", stellte die ranghöchste Vertreterin der chinesischen Delegation, Li Dongdong, fest. Der Ehrengastauftritt in Frankfurt werde eine "Olympiade der Bücher", so die stellvertretende Ministerin der General Administration of Press and Publication (GAPP) weiter. Mit Börsengängen solle die staatliche Verlagsszene privatisiert werden und so die Politik des "Going Out", also der kulturellen Öffnung weiter verfolgt werden.

Auch im Bereich des internationalen Lizenzhandels setzt China auf kulturelle Öffnung mit wirtschaftlichen Mitteln: Rund 91.000 neue Titel erscheinen pro Jahr in China, 2007 wurden 10.255 internationale Lizenzen eingekauft und 2.572 chinesische Lizenzen verkauft. Um den Export chinesischer Literatur in das Englische und Deutsche zu fördern, richtete GAPP einen Übersetzungsfonds für Belletristik und Sachbuch ein. Zentrale Anlaufstelle für Interessenten ist das Außenbüro der Frankfurter Buchmesse in China, das Buchinformationszentrum (BIZ) Peking. Wir baten Dr. Jing Bartz, Leiterin des BIZ Peking, um eine Einschätzung der chinesischen Initiativen.

Frankfurter Buchmesse: Welche Titel aus China stoßen bei deutschen Verlagen auf besonderes Interesse?

Dr. Jing Bartz: Kurz vor der Frankfurter Buchmesse hat der Minister der General Administration of Press and Publication (GAPP) die erste Liste der Übersetzungsförderung genehmigt. Die Fördersummen erstrecken sich von 2.000 bis 7.000 Euro pro Titel. Um einige wenige Beispiele zu nennen: Der Berlin Verlag hat einen Kurzroman von einem jungen chinesischen Autoren gekauft und plant, "Im Laufschritt durch Peking" 2009 zum Schwerpunkttitel zu machen. Es handelt von einem Wanderarbeiter, der nach Peking kommt, um dort nach Reichtum und Liebe zu suchen. Die S. Fischer Verlage bearbeiten gerade Yu Huas dicken Familienroman "Die Brüder", der ein Panoramabild der chinesischen Gesellschaft von den Fünfzigerjahren bis heute darstellt. Bei Suhrkamp ist Mo Yans Roman "Sandelholzfolter" bereits in Übersetzung: ein historischer Roman, der die Leser zurück in die deutsche Kolonialzeit in China führt. Anspruchsvolle Literatur, die das Leben und das Lebensgefühl in China spannend und verständnisvoll vermittelt, kommt bei den deutschsprachigen Verlagen gut an.

“Anspruchsvolle Literatur, die das Leben und das Lebensgefühl in China spannend und verständnisvoll vermittelt, kommt bei den deutschsprachigen Verlagen gut an.”

Neben zeitgenössischer Literatur werden wahrscheinlich auch einige klassische Werke gefördert werden. Bis Jahresende wird die gesamte Liste der Übersetzungsförderung bekanntgegeben. Daher sollten Verlage, die einen chinesischen Titel für das Programm 2009 planen, schon bald die Übersetzungsförderung beantragen. Der Antragsprozess ist unkompliziert: Mehr als das Ausfüllen eines einseitigen Formulars und das Vorliegen des Lizenzvertrags ist nicht erforderlich. Abgesehen von einer Absage ist nichts zu verlieren. Ich rate allen deutsch- und englischsprachigen Verlagen, diese Fördermöglichkeit wahrzunehmen.

Auf der Frankfurter Buchmesse kündigte das chinesische Organisationskomitee an, auch Verlage aus Macao, Hongkong und Taiwan würden an dem Ehrengast-Auftritt teilnehmen. Welche Rolle spielen Verlage aus diesen Regionen im Buchhandel Festlandchinas?

Gerade hat der chinesische Minister für Verlagswesen eine 500-köpfige Verlegerdelegation Festlandchinas nach Taiwan geführt. Anlass war das 20-jährige Jubiläum des Austauschs zwischen dem chinesischen und dem taiwanesischen Buchmarkt.

Wenn Chinesen, Taiwanesen, Hongkonger und Macaoer untereinander sind, sprechen sie von der Entwicklung „eines chinesischsprachigen Buchmarkts“, wobei die ganze Welt als Vertriebsnetz zum Ziel gemacht wird.

“Wenn Chinesen, Taiwanesen, Hongkonger und Macaoer untereinander sind, sprechen sie von der Entwicklung 'eines chinesischsprachigen Buchmarkts', wobei die ganze Welt als Vertriebsnetz zum Ziel gemacht wird.”

Bücher in Kurzzeichen, gedruckt auf dem Festland, dürfen schon auf dem legalen Weg nach Taiwan exportiert werden. Jährlich importiert Taiwan sechs Millionen Festland-Bücher, die ca. zwei Prozent des taiwanesischen Marktanteils ausmachen. Umgekehrt ist der Buchmarkt Festlandchinas noch nicht für Taiwan geöffnet. Es herrscht jedoch eine intensive Zusammenarbeit beider Seiten im Lizenzgeschäft. Die Statistik sagt aus, dass Taiwan zwischen 1998 und 2006 10.287 Lizenzen an das Festland verkauft und 5.057 vom Festland gekauft hat.

Hongkong genießt ein zollfreies Privileg, wenn Bücher von Hongkong nach China exportiert werden. Macao spielt wegen seines schwachen Buchmarkts kaum eine Rolle für das Festland, wird aber auf Grund der politischen Konstellation immer mit erwähnt. Wenn es um den Ehrengastauftritt Chinas geht, sagte mir Linden Lin, der Präsident der Taipeier Buchmesse, dass es für ihn durchaus denkbar ist, dass im Literaturprogramm Autoren vom Festland und von Taiwan gemeinsam auftreten. Auf einen eigenen Stand möchte Taiwan aber nicht verzichten.

Ebenfalls auf der Buchmesse wurde verkündet, dass die staatliche Verlagsszene Chinas jetzt zunehmend privatisiert werde - ganze Verlagsgruppen seien schon an die Börse gegangen. Der Bertelsmann Chef Hartmut Ostrowski sagte kürzlich: "Wir waren schon immer froh, nicht an der Börse zu sein. Aber in solchen Zeiten ist es natürlich umso besser, nicht von Börsen- oder Private-Equity-Strukturen abhängig zu sein." Wie kann man sich den Börsengang staatlicher Verlagsgruppen in China vorstellen? Welche Auswirkungen hat das auf die chinesische Verlagsszene?

Börsengänge für chinesische Verlagsgruppen vorzuschreiben, war eher eine politische Entscheidung von oben. Die Politiker in China dachten, dass der Börsengang der kürzeste Weg zur Internationalisierung sei. Sie haben sich geirrt. In einem Gespräch mit der gerade von der Frankfurter Buchmesse zurückkommenden Ou Hong, der Chefredakteurin von Publishing Today, habe ich erfahren, dass die meisten Pläne eines Börsengangs bei den großen chinesischen Verlagsgruppen sich schon verlangsamt oder sogar gestoppt worden sind. Die Finanzkrise macht auch chinesischen Verlegern Angst.

Buchinformationszentrum (BIZ) Peking

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